Mittwoch, 8. Juli 2009
Sei öfter Simone de Beauvoir!
höre ich in der Gesprächsrunde am Dienstag im großen Saal: Der Feminismus hat viel erreicht. Frauen haben sich ehemals männliche Plätze erkämpft und fühlen sich durchaus frei. Hier war dann für viele der Knackpunkt erreicht. Was bedeutet dann Freiheit für Frauen heute, wenn es nicht mehr darum geht, auf eine Ehe angewiesen zu sein? Die Möglichkeit, einen individuellen Lebensentwurf wählen zu können, ist heute sicher die am meisten geschätzte Freiheit. Frauen wollen sich weder vorschreiben lassen eine Familie zu gründen, noch auf Kinder zu verzichten. Sie wollen leben wie es für sie passt, mit Job oder einer selbstgewählten Lebensaufgabe, mit oder ohne Mann oder Frau. Nur ganz so einfach lässt sich individuelle Freiheit nicht verwirklichen. Die dazu erforderliche ökonomische Unabhängigkeit zu erlangen, ist oft ein steiniger Weg und mit Kompromissen gesäumt. Die Lebensumstände sind manchmal wie sie sind. Schwierig.
Hier ist der Punkt, an dem Simone de Beauvoir sich in uns breit machen sollte. Der große Verdienst von Simone de Beauvoir war ja dass sie vorlebte, dass gegebene Verhältnisse nicht akzeptiert werden müssen. Sie machte den Mund auf und stellt unpopuläre Forderungen. Frau kann durchaus etwas verändern, auch wenn sie sich in Strukturen bewegt, die nicht optimal sind - wenigstens für sich selbst. In Bewegung bleiben heißt, unerwünschte Dinge beim Namen zu nennen und nicht so zu funktionieren, wie es erwartet wird. Einen geraden Lebensweg zu verlassen, erfordert Mut und Ausdauer.
Dass individuelle Freiheit für einen Großteil der Frauen, auch in Westeuropa, noch nicht Wirklichkeit geworden ist, liegt für mich an strukturellen Benachteiligungen, mangelnden Vorbildern und an zu geringer feministischer Bildung. Wie sollen die Menschen auf der Straße auch anders antworten, wenn sie niemals von der Vision einer freien und gleichberechtigten Gesellschaft erfahren haben? Die Gehirnwäsche unserer hetero-normativen Gesellschaft funktioniert prächtig!
Mein Gewinn aus Das andere Geschlecht ist die verinnerlichte Erkenntnis, dass unser tägliches Rollenspiel von uns selbst inszeniert wird und dass ein Aus- oder Umstieg möglich ist. Klar, das ist nicht immer einfach. Aber einfach hat es sich de Beauvoir ja auch nicht gemacht. Oder war genau das ihr Geheimnis?
Susanne Haslinger
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Aufgenommen: Jul 08, 15:28