Vor gut zwei Jahren führten Publikationen wie „Alphamädchen“, „F-Klasse“ oder „Neue deutsche Mädchen“ im politischen Feuilleton zu der Debatte darüber, ob wir einen „neuen“ Feminismus brauchen. In der auf der GWI-Webseite geführten Online-Debatte „Was ist der Streit-Wert?“ wurden hier verschiedene Positionen dargestellt, Kontinuitäten und Brüche sichtbar und diskutiert. Junge und „alte“ Feminist_innen zerstritten oder verständigten sich.
Eher unberührt blieb dieser Diskurs von einer damals schon bestehenden Debatte von mehr oder weniger geschlechterpolitisch bewegten Männer(gruppe)n, sogenannten „Männerrechtlern“ oder auch Frauen, die der Meinung sind, dass gegenwärtige Geschlechterdiskurse – bezogen auf die Inklusion von männerspezifischen Fragestellungen und Männerpolitik(en) – blinde Flecken haben. Die Gleichberechtigung hierzulande sei längst erreicht bzw. schon über’s Ziel hinausgeschossen. Vielerorts wird die Benachteiligung von Jungs und Männern z.B. im Bildungs- oder Gesundheitssystem, als Opfer von Gewalt, beim Sorgerecht oder im Militär reklamiert und „der“ Feminismus dafür verantwortlich gemacht. Auf der anderen Seite steht das ‚Grüne Männermanifest’, das von einer profeministischen Perspektive auf die unzureichende Auseinandersetzung mit den Themen Männerrollen/ männliche Identitäten, Männer und Gesundheit, Väter etc. hinweist.
Das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung will diese Diskussion aus einer kritischen Perspektive in Blogform begleiten und Ideen und Impulse für zukünftige Geschlechterpolitik(en) sammeln.
u. a. mit
• Sabine Hark, Soziologin und Leiterin des ZIFG, Berlin
• Sebastian Scheele, Soziologe, Berlin
• Kai Gehring, MdB BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, Berlin
• Elahe Haschemi Yekani, Anglistin und Gender-Wissenschaftlerin, Berlin
• Volker Handke, Dipl.-Ing. Technischer Umweltschutz und Mitglied beim Forum Männer, Berlin
• Astrid Rothe-Beinlich, MdL BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, Erfurt
• Sven Glawion, Germanist und Gender-Wissenschaftler, Berlin
• Andreas Kraß, Literaturwissenschaftler und Experte für Queer Studies, Frankfurt a.M.
Es darf fleißig mitdislutiert werden. Wer einen Beitrag zu dem Thema verfassen möchte, wende sich per Mail an gwi@boell.de.
Judith Butler am 18.6. in der Volksbühne - eine feministisch- queere Lecture, die mich begeistert hat. Ein Eintreten für grundlegende Freiheitsrechte aller (diskriminierten Gruppen), um die Formulierung eines gesellschaftlichen Entwurfs frei von Rassismus und jeglicher Art von Diskriminierung, um Eintreten gegen Militarisierung und Krieg, ein Plädoyer für Einmischen auch und gerade durch diskriminierte und minoisierte, ausgegrenzte Gruppen egal ob Lesben. Schwule, Queere oder sonst wie (Un)definierte. Ihr Verständnis von Freiheit erinnerte mich an Rosa Luxemburgs "Freiheit der Andersdenkenden" und ist gleichzeitig darüber hinaus weisend, da sie auch den Respekt vor dem Anders sein und Anders handeln postulierte. Ihr politischer Ansatz: mit ihrer destruktivistischen Position eine Fortführung des politischen Feminismus der 90er Jahre, der ja auch eine gesamte gesellschaftspolitische Vision implizierte, bei dem es nicht nur um das Eintreten für Frauenrechte ging, sondern um das Engagement gegen jede Form hegemonialer Gewalt und Herrschaft. Besonders bemerkenswert und politisch weiterführend: Butlers Verbindung von queerer Politik mit Eintreten gegen Militarismus und Krieg und ihre deutliche Ablehnung lobbyistischer Identitätspolitiken.
Es ist bezeichnend und ärgerlich, dass es in der medialen Berichterstattung kaum um diese inhaltliche Position Butlers ging, sondern in erster Linie um ihre Ablehnung des Zivilcourage-Preises auf dem CSD und den darum entstandenen Eklat.
Ein politisches Armutszeugnis auch, dass die CSD-Szene selbst sich in der Debatte so wenig mit Butlers inhaltlichen Positionen und ihrer Kritik an einer auf die eigene Identität ausgerichteten Politik auseinander setzt. Das halte ich für die weiter reichenden und gesellschaftlich weiterführenden Frage: Wie kommen wir aus dem Dilemma heraus, dass es einerseits notwendig ist, Diskriminierungen minoisierter Gruppen zu problematisieren und für ihren Schutz und die gesellschaftliche Akzeptanz einzutreten, und andererseits jegliche Polarisierung und identitäre Abgrenzungen zu verhindern? Wie schaffen wir es, auf die eigenen Interessen ausgerichtete identitäre Lobbypolitik abzubauen? Wo finden wir welche Bündnispartner_innen für eine gemeinsame und wirkungsmächtige Politik, die das Engagement für grundlegende Freiheitsrechte, gegen Krieg und Militarismus, mit dem gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen verbindet?
Nachtrag - 3sat-Kulturzeit über Judith Butler und den Eklat beim Berliner CSD
Gerade hat die re:publica 2010 begonnen. Insgesamt 165 Veranstaltungen, 265 Sprecher_innen aus 30 Staaten werden die nächsten drei Tage die verschiedensten Facetten der digitalen Gesellschaft beleuchten.
Ich werde als Vertreter_in des GWI natürlich alle Veranstaltungen mit den Themen: Feminismus, Gender und Social Media besuchen und davon berichten. Denn es wird auf alle Fälle mehr geben, als im letzten Jahr. Wir können also gespannt sein.
Neulich war ich mal wieder am Veranstaltungsort von Gender is Happening - am Gunda Werner Institut in Berlins Mitte. Ich war dort mit etwa 50 anderen Frauen anlässlich des 33. Green Ladies Lunch zum Thema "Feminismus im Web2.0 - Im Spannungsverhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit". Und so ganz "nebenbei" fand sich im Foyer die in der Blogüberschrift erwähnte Dokumentation. Sie enthält neben dem Programm sowie dem Plakat v.a. 3 Filmbeiträge und eine umfangreiche Fotosammlung.
Ein Zusammenschluss aus unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Einzelpersonen lädt vom 4.-6. März 2010 zum Kongress "Who cares? Queerfeminismus und Ökonomiekritik" in verschiedene Lokaliltäten Neuköllns. Die Themen der Veranstaltungen reichen von "Care Workers Organizing" über "Geschlechterverhältnisse im Einkommensteuerrecht" bis hin zu "Queerfeminismus in der russischen Revolution". Es wird u.a. ein Kurzfilmprogramm, verschiedene Diskussionsforen, Open Spaces, Workshops und noch viel mehr geben. Außerdem werden Übersetzungen der einzelnen Veranstaltungen und eine Kinderbetreuung angeboten. Mehr zum Programm gibt es hier.
Globalization and new power configurations in the world have greatly changed the meaning of peace and security. Poverty, climate- and resource-related conflicts, instable governments, regional and international terrorist groups, and criminal organizations all pose a threat to security and stability everywhere. Throughout the world these problems lead to insecurity and new perceptions of threat.
These developments are being followed critically by peace networks and experts from civil society. For quite some time women’s organizations and feminist networks have been increasingly involved, putting the gender perspective back on the agenda. Since October 2000, UN Security Council Resolution 1325 has been paving the way to greater gender sensitivity in peace and security policy. It could be a milestone for gender-equitable security policy. But up to now this resolution has not developed its own institutional strength within the UN system and the international community. This volume contributes to filling the gap in knowledge about approaches both to gender-sensitive peace and security policy.
With contributions by Sanam Naraghi Anderlini, Andreas Zumach, Karen Barnes, Lynne Christine Alice, Mariam Notten, Ute Scheub and others.
Roadmap to 1325
Resolution for gender-sensitive peace and security policies
Edited by the Gunda Werner Institute for Feminism and Gender Democracy in the
Heinrich Böll Foundation
Verlag Barbara Budrich, Leverkusen/Farmington Hills 2010, 224 Seiten, 22,- Euro
ISBN 978-3-86649-311-7
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'Gender and Conflict': Special issue of Feminist Review
Feminist Review is an interdisciplinary, agenda-setting publication
that insists on the theoretical and strategic centrality of gender in
all its complexity. By encouraging special attention to the ways in
which gender, race, ethnicity, and sexuality intersect, this special
issue seeks to explore the complex and multiple ways in which gender
as an analytical lens can enhance interdisciplinary understandings of
conflict and political violence.
Contributions might include explorations of the following questions:
• What methodologies and theoretical approaches are best suited to
illuminating the ways in which gender, race, ethnicity, and sexuality
intersect or become mutually constitutive in conditions of political
violence?
• In seeking to better understand both gender and political violence,
how can the relationship(s) between feminist theory(ies) and activism
be conceived?
• How have developments in science (forensics, weaponry, information
and communication technologies) affected the nature of violent
conflict and its aftermaths? How are these gendered?
• How do ideas about gender identity figure in personal narratives of
conflict? How do these relate to the various ways in which gender
identities are strategically represented by state and non-state
actors?
• How do experiences and practices of political violence organise the
production and maintenance of gender roles? What are the embodied
dimensions? The performative?
• How do women and men differently accommodate and acclimatize to
prolonged conflict?
• How do (inter)national (and multiple) media forms construct
particular gendered understandings of actors in conflict?
• What are the gender dimensions of commemorations of political
violence and victims of conflict?
The above list is not exhaustive and the guest editors would welcome
submissions from scholars in politics, anthropology, gender and
sexuality studies, history, human rights studies, science and
technology studies, International Relations, development and other
interdisciplinary fields. The special issue invites contributions that
offer new theoretical insights into and/or empirical observations of
the violent practices that regulate gender and the gendered logics
that sustain conflict.
Please send abstracts of no more than 500 words to Lori Allen
(laa2(aet)cam.ac.uk) and Laura J. Shepherd (l.j.shepherd(aet)bham.ac.uk) by 1
FEBRUARY 2010.
Die Vereinbarung im Koalitionsvertrag, den Wehrdienst von neun auf sechs Monate zu kürzen, tritt auch eine alte Debatte los, die nach wie vor aktuell ist: Ist es ungerecht, dass nur Männer zum Wehr- beziehungsweise Zivildienst verpflichtet sind? Sollten Frauen gleichberechtigt verpflichtet sein, nach bestandener Musterung, Wehrdienst zu leisten oder nach Verweigerung Ersatzdienst? Ist das Modell der Wehrpflicht überhaupt noch zeitgemäß oder sollten die Aufgaben der Bundeswehr durch eine Berufsarmee erfüllt werden? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Katrin Rönicke in ihrem im Wochenmagazin "derFreitag" erschienenen Artikel "Den eigenen Frieden verteidigen". Sie erläutert hier auch die Geschichte der Diskussion zu diesem Thema in Deutschland.
Wichtig ist es bei allen Diskussionen um Geschlechtergerechtigkeit durch Wehrpflicht, nicht aus den Augen zu verlieren, dass diese (wenn überhaupt) nicht mit dem bloßen gleichen Zwang für Frauen erreichbar wäre. Außerdem darf die grundsätzliche Fragwürdigkeit einer Institution wie der Bundeswehr nicht vergessen werden. Die Debatte kann daher mit der Beantwortung der Frage „Wehrpflicht für Frauen – ja oder nein“ nicht zu Ende sein.
Berlin im Oktober 2009 – das 4.Pornfilmfestival lud interessierte Menschen zum Schauen von und Diskutieren über Porno ein.
Am Samstag den 24.10. hieß es unter dem Titel „Chicks with guts“ über den Einfluss von Frauen im Pornogeschäft zu diskutieren sowie sich über ihr feministisches und/oder queeres und damit irgendwie rebellisches Potential bzw. Engagement auszutauschen.
Rede und Antwort standen Anna Brownfield (Melbourne – Australien), die als feministische Erotikfilmerin angekündigt wurde; Shine Louise Housten (San Francisco – USA) lesbische Pornofilmerin; Ovidie (Paris – Frankreich) Regisseurin und Produzentin für das Label French Lover TV; Anna Peak (Berlin – Deutschland) queere Videokünstlerin; Renee Pornero (Wien – Österreich) Mainstream-Pornofilmemacherin (und früher auch aktive Darstellerin) und nicht zuletzt Julie Simone (Los Angeles – USA) BDSM und Fetisch-Filmemacherin.
Die Auswahl erschien viel versprechend, waren doch aus allen Bereichen „der Pornoindustrie“ Menschen vertreten. Von queer, über feministisch oder BDSM bis hin zum viel gescholtenen Mainstream.
Muss Porno sich auch sprachlich ändern?
Eine der wichtigsten Fragen, abseits von Produktionsbedingungen, die erschöpfend diskutiert wurden, war die Frage nach einer möglichen Umbenennung des Begriffs Porno. Diese Frage war auch deshalb interessant, weil sich alle dezidiert als Pornofilmemacherinnen bzw. Pornografinnen vorgestellt haben. So ist es nicht verwunderlich, dass fast einhellig gesagt wurde, dass eine „Umbenennung“ oder die Suche nach einem neuen Wort für Porno nicht zielführend ist. Dass das im allgemeinen der Fall ist, scheint verständlich – nicht ganz nachvollziehbar war, warum Bezeichnungen wie „feministischer Porno“ oder „queerer Porno“ so vehement abgelehnt wurden? Was verliert mensch mit solch einer Erweiterung, wenn die Inhalte und Stilistiken den Mainstream zu verschieben in der Lage sind? Meines Erachtens kann ein „queerer“ Porno nur diejenigen Kund_innen verlieren, die ein 80/20 Verhältnis (80% Sex, 20% „Handlung“ inkl. Anfang und Abspann) vorziehen, keine kritische Hinterfragung der Herrschaftsverhältnisse wünschen, die es mögen, wenn Frauen auf die immer gleiche Weise in oftmals erniedrigter Position dargestellt werden. Gewonnen werden kann mit jenem Labeling allerdings ein Kundenkreis, der den Mainstream entweder leid ist, oder der in Porn ein kritisches Potential sieht und nachhaltige sowie faire Produktionsbedingungen durchaus markiert wissen möchte. Queer als Bio-Siegel für fairen und dennoch spannenden Porno? Warum nicht, solange dies gewährleistet, was das Siegel verspricht.
Jürgen Brüning, einer der Festivalorganisatoren und Moderator ging soweit zu sagen, es gäbe keinen feministischen Porno und reproduziert damit jene Abwehr etwas dann mutig zu benennen, wenn sich herrschaftskritisches Potential in den Filmen verbirgt. Zumal am 17.Oktober in Berlin erstmalig ein feministischer Pornofilmpreis vergeben wurde, der explizit einen Kontrapunkt zur sexistischen Mainstream-Pornografie zu setzen bzw. nur Filme mit feministischer, (queerer) Sicht zu berücksichtigen versucht und eine derjenigen ehrte, die dem Panel beiwohnte - Shine Louise Housten.
Anna Peak meinte dazu: „Making Porn is dealing with boxes and stereotypes“, daraus folgt: „define your own boxes“ – wenn schon neue Schubläden, dann kann mensch diese doch auch benennen.
Um die Mechanismen des Mainstream Porno zu ändern muss mensch sie unterwandern und in sie „eindringen“
Wie nun aber umgehen mit dem Mainstream – ihn so lassen wie er ist, ein Milliardengeschäft ohne Skrupel. Wie können Menschen neue Blickgewohnheiten näher gebracht werden, wie kann auch Porno kritisch auf Sexualität und alles was daraus resultiert blicken? Wie neue Wege, Alternativen, „Realitäten“ aufzeigen?
Das Podium war sich uneinig über den Weg der bestritten werden kann oder sollte. Während z.B. Renee Pornero einerseits Mainstreampornos (80/20) dreht und sich in den Strukturen bewegt, empfand sie den Eröffnungsfilm „The Band“ von Anna Brownfield (20/80) als das Non-Plus-Ultra für einen guten Porno. Doch woran orientiert sich ein guter Porno? Sicherlich nicht nur daran, was anmacht, sondern auch welche Bilder von Geschlechterverhältnissen er in Szene setzt und wie er diese Bilder in Szene setzt. Ein funktionierender Plot und „wenige“ explizite Sexszenen können gleichermaßen erregen, wie der Film „Madrid 147“ von Sico Dice (im Kurzfilmprogramm „Experimental Porn“) auf so simple wie auch eindringliche Weise. Unabhängig davon, dass in diesem Film nur ein vermeintlich heterosexuelles Pärchen beim Sex zu hören war, ist auch dieser Film „queer“, insofern er Blickregime zu unterwandern in der Lage ist.
Filme für und mit einer queeren Community zu produzieren, wie Anna Peak es praktiziert, kann ebenso queer sein, kann ein nicht-kommerzielles Interesse der Protagonist*innen vorausgesetzt werden. Aber auch Shine Louise Housten´s Traum, ein eigenes Imperium für queeren Porno aufzubauen, thematisiert die wichtige Komponente, den Mainstream-Markt mit eigenen Mitteln zu zerschlagen.
Fuck about the Mainstream – was bleibt
Ein kritischer Blick, Kreativität und Durchhaltevermögen benötigen all jene, die dem Mainstream den Rücken kehren.
Und wenn wir wollen, dass das so bleibt, dass queere, feministische, alternative „Pornos“ auf dem Markt verfügbar sind, dann sollten wir diese kleinen, vielleicht ersten zaghaften Versuche unterstützen und würdigen. Porno kann durchaus „anders“ sein, auch wenn es Anstrengungen derer bedeutet, die die Filme produzieren und derer, die ihre Sehgewohnheiten umstellen müssen.
Noch mehr interessantes rund ums Thema Porno bot eine Diskussion während des Gender Happenings.
Mit Serpil Pak, Strawberry KaeyK, dem Dragzhaufen und Tina Pornflakes ging das Gender Happening mit einer fulminanten Abschlussshow und ausgelassenem Tanz bis spät in die Nacht am 11.Juli 2009 zu Ende.
Wirklich zu Ende?....
Love me Gender – Gender is Happening war eine aufregende, erlebnisreiche und spannende Woche voller Diskussionen, Debatten und Begegnungen.
In vielfältigen Formen und Variationen wurde Gender nicht nur per Paneldebatten, Vorträgen und Gesprächsrunden akademisch diskutiert und analysiert, sondern queer-feministische Lebensweisen und Ideen, geschlechterdemokratische Vorstellungen, männerpolitische Ansätze wurden in ihren unterschiedlichen Ausgestaltungen und Widersprüchlichkeiten z.B. satirisch unter die Lupe genommen, in Kreativ-und Praxis-Workshops performt oder weiter entwickelt, z.B. beim Radiomachen, Plattenauflegen, im Web 2.0 und per Blog-Reportagen oder beim Radical Cheerleading. Was heißt Drag, was meint queer, bleibt der Feminismus auf der Strecke? Fragen, die auch nach dieser Woche stehenbleiben. Fragen, die das Gunda-Werner-Institut weiter diskutieren und ausloten möchte.
Das Gender Happening war ein Experiment für alle Beteiligten. Kommt das vielfältige Programm mit über 80 Einzelveranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen Filme etc. überhaupt an? Schaffen wir es, einen Spannungsbogen eine Woche lang zu halten? Ist das organisatorisch überhaupt zu packen?
Ja! Über 1200 Besucher_innen haben zumindest jeweils zeitweise am Gender Happening teilgenommen. Viele junge und neue Gesichter waren zu sehen. Wir haben einiges an Debatten und Performances provoziert und angestoßen, verinzelt fanden wir sie nicht ganz gelungen, z.B. stellte sich als heikles Thema heraus: was kann Satire in diesem Feld leisten? Und wo sind Grenzen? Wir werden es weiter debattieren
Alle haben die Heinrich-Böll-Stiftung und unser neues Haus von einer bisher unbekannten Seite kennengelernt, gefüllt mit Leben und neuen, teilweise experimentellen Veranstaltungsformen. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt auch die "Fahrende Gerüchte Küche" auf der Terrasse als Treffpunkt in der gesamten Woche. Das Haus lebendig gemacht und für eine Woche visuell verändert, haben auch die vielfältigen Raum-Installationen und die kreative Gestaltung des Hauses – und natürlich: das Publikum, das den Raum in Beschlag genommen hat.
….Love me Gender – Gender is Happening – ist nicht vorbei, denn Gender begleitet, bestimmt und vor allem erfreut uns – hoffentlich - jeden Tag aufs Neue.
Und nun geht es für uns ans Auswerten und Aufarbeiten – nach einer Atem- und Sommerpause!
Vielen Dank an alle, die zum Gelingen beigetragen haben: Durch Kooperationen, in der Organisation und Öffentlichkeitsarbeit und an alle die, die dabei waren und mit gemacht haben!
Bilder aus der gesamten Veranstaltungswoche unter www.gwi-boell.de
Für das GWI-Team Gitti Hentschel, Henning von Bargen und Susanne Diehr
Am Dienstag abend gab es den (monatlichen?) Jour Fix (der Heinrich Böll Stiftung?) zu "Finanz- und Wirtschaftskrise - was hat "Gender" damit zu tun?".
Wie es aussieht, sind auch Andere auf die Idee gekommen, dass Rettungspakete auch anders genutzt werden könnte als zur Unterstützung der Finanzmärkte; das abgebildete Plakat fand sich auf meiner Heimfahrt am Straßenrand der Friedrich- bzw. Chauseestr. :
Menschen - keine Männer oder Frauen. Kinder - ebenfalls unkategorisiert als männlich oder weiblich. Also: alles Gender oder wie jetzt?
Was ein Frauenmagazin ist, wird vom Markt ziemlich genau definiert: Es geht um Diäten, Schönheit, (Hetero-)Sexualität und Celebrities. Während sich manche Titel, wie die Brigitte, schon seit Jahrzehnten erfolgreich auf dem Markt halten, dümpeln andere seit ihrer Erstveröffentlichung am Ende der Auflagenskala herum und verschwinden schnell wieder.
Die Medienmacherinnen auf dem Podium haben sich bewusst für einen anderen Weg entschieden. Mit ihren (Frauen-)Magazinen möchten sie sich vom Mainstream abgrenzen und drängen sich somit selbst in eine Nische, die mit unendlich vielen Klischees beladen ist und die die Produktion dieser alternativen Magazine nicht unbedingt erleichtern.
Das größte Problem stellt dabei wohl die Finanzierung dar. Sowohl Gudrun Fertig (Online-Chefredakteurin des L.mag) als auch Chris Köver (Mitbegründerin des Missy-Magazine) sehen sich mit der Problematik konfrontiert, dass klassische Marken in Magazinen mit einer nicht rein heterosexuellen Ausrichtung keine Werbung platzieren möchten. Gleichzeitig ist auch nicht jede Werbung erwünscht. Sharon Adler von AVIVA-Berlin hat auch schon Werbekund_innen abgelehnt, die nicht in das Konzept ihres Online-Magazins passten. Sineb El Masrar sieht sich mit dem von ihr gegründeten Magazin Gazelle einer anderen Problematik gegenüber: Migrantinnen leben in der Vorstellung von Marketingverantwortlichen in Frauenhäusern, sprechen nur gebrochen Deutsch und verfügen nicht über das nötige Einkommen, um sich ein "Luxusprodukt" wie das Hochglanzmagazin Gazelle leisten zu können. Dass die Realität durchaus anders aussieht, zeigt die mittlerweile fünfte Ausgabe, die Sineb El Masrar mit ihrem 20-köpfigen Team kürzlich produzierte.
Konsens herrschte im weitesten Sinne auch bei der Frage nach der Aufmachung. Die Diskutantinnen zeigten sich gelangweilt vom Cover-Einerlei, das auf dem Markt herrscht: DAS Cover-Girl der Stunde ist blond und maximal 18 Jahre alt - unerheblich, welche Zielgruppe das jeweilige Magazin eigentlich verfolgt. Eine ansprechende Cover-Gestaltung ist jedoch auch für die Macherinnen von Nischen-Magazinen notwendig, denn im Laden wird nur das gekauft, was sofort anspricht. Hochwertige Titelbilder sind daher unerlässlich - das Missy-Magazine verzichtet jedoch auf aufwändige Retuschen und zeigt auf ihrem aktuellen Titel die "schmerzbefreite" Künstlerin Peaches, der man ihre 40 Jahre trotz angeblicher Falten nicht unbedingt ansieht. Auch die Gazelle titelt ungewöhnlich - unverständlich angesichts des ansprechenden Covers, welches eine Dunkelhäutige zeigt. Doch rothaarige oder eben dunkelhäutige Models gelten als Verkaufsgift. Das L.Mag bleibt sich seiner Linie treu: Auf den Titel kommen jene Frauen, die sich um die Szene verdient gemacht haben und/oder prominente Lesben sind. Kein Wunder also, dass das aktuelle Cover Beth Ditto, neue Stilikone und Sängerin der aufstrebenden Band The Gossip, zeigt.
Grundsätzlich herrschte auf dem Podium eine selige Einigkeit. Trotz der Vielfältigkeit der vorgestellten Projekte zeigt sich, dass Frauenmagazine abseits des Mainstreams alle mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Es ist bewundernswert, dass die Macherinnen dennoch allen Widrigkeiten trotzen - und das mitunter schon seit Jahren.
Zeitzeuginnen kommen in "Das Burlebüble mag i net" (http://burlebuebele.wordpress.com/) von Sandra Luka Stoll und Anke Schwarz zur Entstehung und Weiterentwicklung der Lesbenbewegung in beiden Teilen Berlins zu Wort. Auf der Bühne sitzen nach der Vorführung des Films eine der Protagonist_innen Ursula Sillge und vielleicht als "Ersatz" für Cristina Perincioli, Christiane Härdel.
Im Laufe der Diskussion wird die Frage in den Raum gestellt, was denn mit der Lesbenbewegung passiert sei und eine Antwort die gegeben wird ist, dass es keinen Grund mehr für eine Bewegung gab, weil es war ja alles erreicht worden. Hat sich verlaufen im Sand oder worauf die Gesellschaft sonst so gebaut ist. Das AGG, der verstärkte rechtliche Schutz gegen Diskriminierung aufgrund sexualler Orientierung, das relativ akzeptierte öffentliche Auftreten von Lesben, die Arm in Arm gehen oder gar küssen am Eisstand outen, wird angeführt für: mehr braucht es doch nicht.
Das klingt ähnlich wie bei der Frage nach Feminismus. Wo ist das Problem,Frauen können doch alles machen, was sie wollen. Nur wenn dann näher hingeschaut wird, dann werden Gehaltskluften offenbar, beständig anhaltende Doppelbelastung, alltäglicher Sexismus um nur die Oberfläche zu streifen. Problematisch wird auch, von einer Person aus dem Publikum gesehen, dass mit "queer" ja die politischen Ansprüche verloren gingen oder zumindest könne sie damit zwar was auf der Vergnügungsebene, nicht aber auf der der politischen Arbeit anfangen. Das wirft die Frage nach der Notwendigkeit einer Identifikationskategorie, wie in diesem Fall "Lesbe" zu sein, auf. Braucht es das noch? Braucht es noch Schutzräume für Frauen/Lesben? An diesem Tag besuche ich noch eine andere Veranstaltung auf dem Happening, "Die Poesie der schwarzen Frauenbewegung". Dagmar Schultz liest u.a. als einer der Programmpunkte der Veranstaltung, Texte von und über Audre Lorde. Sie widmet ihren Vortrag einer Lesbe, deren Namen ich leider nicht mehr erinnern kann, die gewaltsam wegen ihres lesbischseins in Südafrika bei Johannesburg ums Leben gebracht wurde. Kann sein, dass sie Eudy Simelane meinte. Eudy Simelane war eine bekannte Fussballspielerin und lautstarke Aktivistin für "equality rights" und lebte offen lesbisch. Obwohl Südafrika eine der modernsten Verfassungen hat und hier die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben anders als zum Beispiel im deutschen GG festgeschrieben ist, wird dieser Grundsatz im juristischen System Südafrikas nicht umgesetzt. Im Zusammenhang mit den 31 als "hate crimes" anerkannten Verbrechen an lesbischen Frauen seit 1998 kam es zu nur zwei Anklagen und schlimmer noch, zu nur einer Verurteilung.
"Die Lesbenbewegung hatte ja alles erreicht" vollständig lesen »
In der Eröffnungsveranstaltung hieß es, dass Gender so etwas wie postfeministisch sein könnte. Der Begriff "Gender" würde nach dieser Annahme den des "Feminismus" ablösen. Demnach würde das Verfolgen von Genderansichten ebenso wie eine feministische Weltanschauung wesentlich dazu beitragen, mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erzielen. In diversen Veranstaltungen von GENDERisHAPPENING wurde jedoch zur ein anderer Ansatz zum Erreichen dieses Ziels verfolgt:
Es gab vor allem Kritik bezogen auf die Zu-Ordnung in "Schubladen" - männlich ODER weiblich. Zudem, dass es gälte, dieses zu verändern. Auch konkrete Vorschläge waren zu hören, an welchen Stellen welche Änderungen sinnvoll oder not-wendig wären. Demnach bedeutet Gender, dass offenbar vor allem anderen den derzeit für die Mehrheit gültigen "Schubläden" ihre Gültigkeit entzogen werden sollte - lieber heute als morgen.
Dies entspricht ja auch durchaus dem, was sich z.B. sowohl im gender@wiki als auch bei Wikipedia zum Begriff Gender findet.
Für Einige wäre es sicher angemessen, keiner "Kennzeichnungspflicht" nachkommen zu müssen. Vielleicht lohnt es auch für Alle, solche "Kennzeichnungen" zu hinterfragen. Es ist auch sicher sinnvoll, in Zeiten der (Finanz-)Krise Bündnisse über bestehende Gräben einer Geschlechterzuordnung hinweg zu schließen - um der besseren ZUSAMMENarbeit willen. Mit vereinten Kräften lässt sich sicher mehr erreichen.
Aber: Ist es im Sinne einer feministischen Weltanschauung, vor allem Einigkeit darüber zu erzielen, besagte Schubladen abzuschaffen?
Während des Formulierens komme ich zu dem Schluss, dass Gender wahrscheinlich tatsächlich "mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern" zum Ziel hat - während "die" Feminist_innen die vorhandene Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern geändert sehen wollen.